Der Frühe Rote Malvasier, ein Weißwein, stellt heute eine absolute Rarität dar. Die im Mittelalter weit verbreitete rötliche Traube wird in der Anbaustatistik des Deutschen Weinbauverbands (DWV) für 2009 noch mit 3 ha in Deutschland aufgeführt (1).
Der Name "Früher Roter Malvasier"
Der Name Malvasier, Malmsey (englisch), Malvoise rouge (französisch) ist in vielen Varianten zu finden. Synonyme für Malvasier sind „Frühroter Veltiner, Frührot, ostitalienischer Malvasier, Rote Babotraube, Printschraube, Feldlinger, Roter Mährer, Roter Harthaunisch, Malvoisie rosso, crvena Babovina“ (2). Die zahlreichen Namensvarianten deuten auf die große historische Bedeutung des Malvasiers hin.
Vermutlich geht der Name Malvasier auf die griechische Hafenstadt Monembasia zurück. Von hier wurden Weine nach Nordeuropa verschifft. Allmählich wurde die Ortsbezeichnung Monembasia/Monemvasia ein Synonym für die auf der Peloponnes und auf Kreta wachsende Rebsorte.
Gemäß der hessischen Rebsortenklassifizierung entspricht der Frühe Rote Malvasier dem Malvasier (3).
Noch heute finden sich viele „Malvasia-Weine“ im Mittelmeerraum, besonders in Italien. Genanalysen haben jedoch gezeigt, dass die italienischen Malvasia Rebsorten keine nahe Verwandtschaft zu der alten Rebsorte „Monemvasia“ haben (4). Auch weist der Frühe Rote Malvasier keine botanische Beziehung zum Grünen Veltliner auf (2). Die heute in Monemvasia heimischen Rebsorten sind dem antiken Monemvasia jedoch genetisch noch sehr ähnlich (5). Es spricht vieles dafür, dass der aktuelle (deutsche) Frühe Rote Malvasier eine Naturkreuzung von rotem Veltliner und Silvaner ist, was den heimischen Anbauwert mit begründet (6). Genanalysen haben dies bestätigt (7).
Historisches zum Frühen Roten Malvasier
Weinimporte an den Rhein sind durch archäologische Funde seit dem 2. Jahrhundert v. Chr. belegt. Typische Grabbeigaben waren Amphoren, in welchen der Wein transportiert wurde (z.B. Armsheim, Rheinhessen) (8). Der Weinimport dürfte nach der Besetzung des Rheingebietes durch die Römer 10 v. Chr. deutlich zugenommen haben. Nicht belegt ist jedoch der Zeitpunkt des Beginns eines eigenständigen Weinbaus am Rhein. Ein Kelterhaus in Bad Dürkheim aus dem 3./4. Jahrhundert lässt auf dortigen Weinbau schließen (8). Spätestens seit dem 9. Jahrhundert ist der Weinbau im heutigen Rheinhessen dokumentiert. Karl der Große (742-814) regelte Anbau und Herstellung von Wein in seiner um 800 verfassten „Capitulare de villis vel curtis imperii Caroli Magni“ (9). Auf dem Kloster Disibodenberg der Hildegard von Bingen wurde ein steinerner Keltertrog aus dem 12. Jahrhundert gefunden (8).
Die Kolmarer Annalen aus dem 13. Jahrhundert berichten über Pilger, welche verschiedene Rebstöcke mitbrachten (10). Es ist wahrscheinlich, dass sich hierunter auch der Malvasier befand.
Im Mittelalter kam der Wein über Monembasia/Monemvasia, später über Venedig nach Nordeuropa. An den Königshöfen war der Malvasier sehr beliebt, weshalb er den Titel „Wein der Könige“ erhielt.
In Stadtratsrechnungen taucht der Malvasier erstmals 1373 (Lignitz) auf. Seit dem 15. Jahrhundert wird der Malvasier in vielen Dokumenten (Schuldscheinen, Bürgschaftsurkunden, Zolltarifen) erwähnt. Ende des Jahrhunderts ist er der teuerste Wein. Im 15. Jahrhundert kostete der Malvasier durchschnittlich fünf Mal so viel wie der Elsässer. Er war etwas Besonderes und blieb den oberen Ständen vorbehalten. Für eine Fürstenhochzeit (Ambach 1474) wurden 110 Fuder Landwein und 1 Fuder Malvasier geordert (1 Fuder entsprechend 300 Liter). Bei einem Ratsessen in Frankfurt am Main wurde Malvasier eingeschenkt, und der Rat von Wittenberg spendierte einem Bischof aus Brandenburg Malvasier (10).
Malvasier Wein in der Literatur
Zu allen Zeiten beschäftigte der Malvasier Wein die Dichter und Denker. Er weist bis heute eine mystische Aura auf, welche die Menschen in ihrem Bann hält.
Hildegard von Bingen (1098 – 1179)
Die Äbtissin und Kräuterheilkundige kannte vermutlich den Malvasier Wein. Sie verwendete Wein für ihre Heilkräuter-Rezepturen, welche in der „Physica“ beschrieben werden. Die Kräuter wurden frisch gepresst, mit Honig versetzt und im Wein gekocht (11). So wird auch die Rezeptur für den Wermutwein beschrieben, der als Verdauungsförderer getrunken wurde. Der Grund für die Verwendung von Wein, anstatt der heute oft beschriebenen Verwendung von Tee, ist vermutlich die bessere Löslichkeit der ätherischen Öle in Alkohol sowie die bessere Haltbarkeit.
Hildegard von Bingen: Physica. Datiert zwischen 1150 - 1158
Martin Luther (1453 – 1546)
Der Malvasier soll zu Luthers Lieblingsweinen gezählt haben. „Malvasier, ja, eine rechte heilsame Arzenei und Labsal“
1521 verließ Luther nach dem Reichstag die Stadt Worms, nachdem er sich mit Malvasier gestärkt hatte. (Bericht des päpstlichen Legaten Alexander über den Reichstag zu Worms (2))
William Shakespeare (1564 – 1616)
Nach Shakespeare soll Richard III. (1452 – 1485), König von England, seinen Bruder Georg, den Herzog von Clarence, in einem Fass Malvasier Wein ertränkt haben, um ihn als potentiellen Thronfolger auszuschließen.
William Shakespeare: The Tragedy of King Richard the Third. Datiert um 1593
Christoffel von Grimmelshausen (1622 – 1676)
In seinem Hauptwerk „Simplicissimus“ träumt der Held von einem Malvasier Gelage. Christoffel von Grimmelshausen: Der abenteuerliche Simplicissimus. Teutsch, Ausführliche, unerdichtete und recht memorable Lebensbeschreibung eines einfältigen, wunderlichen und seltsamen Vaganten, namens Melchior. 1669
Heinrich Heine (1797 – 1856)
Der grüne Kranz vor meinem Zelt,
Der lacht im Licht der Sonne;
Und heut schenk ich Malvasier
Aus einer frischen Tonne.
Aus: Lied der Marketenderin. Datiert 1845 - 1856
Hoffmann von Fallersleben (1798 – 1874)
Ich kenn´ ein Volk, das sich für Gäste
des Paradieses hier schon hält,
dem täglich Gott das allerbeste
auf seinen Tisch zur Labung stellt,
und dem sein eigenes Dünnebier
mehr ist als Sekt und Malvasier.
Aus: Ich kenn ein Volk im deutschen Lande (Das Lied von Sandomir). Datiert 1842
Thomas Mann (1875 – 1955)
In seinem Werk „Buddenbrooks“ wird ein einfaches Mittagessen der Familie beschrieben: „Gegessen wird von Meißner Tellern mit Goldrand und mit schwerem Silberbesteck. Das ganz einfache Mittagsbrot besteht aus Kräutersuppe nebst geröstetem Brot, Fisch, einem kolossalen, ziegelroten, panierten Schinken mit Schalottensauce und einer solchen Menge von Gemüsen, daß alle aus einer einzigen Schüssel sich hätten sättigen können. Darauf folgt Plettenpudding, ein schichtweises Gemisch aus Makronen, Himbeeren, Biskuits und Eiercreme, zu dem goldgelber, traubensüßer alter Malvasier in kleinen Dessertweingläsern gereicht wird.“
Thomas Mann. Buddenbrooks. Verfall einer Familie. Berlin: S. Fischer Verlag 1901
Eigenschaften der Rebsorte "Früher Roter Malvasier"
Der Frühe Rote Malvasier benötigt kalkhaltige, steinige Böden. Nur auf kargen Böden bleibt der Rebstock reduziert und liefert höchste Weinqualität. Außerdem erfordert die Traubenentwicklung ein ausgesprochen warmes und trockenes Klima. Der Rebstock verträgt keine Staunässe. Er ist sehr empfindlich gegen Peronospora (Falscher Mehltau), jedoch unempfindlich gegen Oidium (Echter Mehltau) und Phomopsis (Schwarzfleckenkrankheit). Auch ist er recht resistent gegen Stiel- und Beerenfäule.
Da der Frühe Rote Malvasier ein kräftiges Holz entwickelt, ist eine weiträumige Pflanzung erforderlich.
Sehr kalte Winter (wie der Winter 2009/2010) gefährden die Pflanze durch lang andauernde Fröste.
Die Traube ist kleinbeerig, die Beere zeigt eine hellrote Färbung der Haut. Die Blattrippen sind ebenfalls rötlich.
Schon die Bezeichnung „Früher Roter Malvasier“ weist auf die frühe Reife der Trauben hin. Die Ernte kann spät erfolgen, da die Rebsorte eine hohe Stielfestigkeit besitzt. Diese Kombination stellt die Garantie für hohe Oechslegrade dar.
Der Wein zeichnet sich durch eine milde Säure (6-8 g/l) aus, das Buket ist ausdrucksstark und nachhaltig. Während der Reifung entwickelt sich ein edelsüßer, aromatischer bernsteinfarbener Wein, der an Honig, Kräuter und Bittermandeln erinnert. Ein qualitativ hochwertiger Wein, dem erst eine gewisse Restsüße sein volles Potential erschließt!
Anbau des Frühen Roten Malvasiers auf dem Gut Erbes
Heribert Erbes gehört zu den wenigen Winzern, welche den Frühen Roten Malvasier noch kultivieren.
Seit Anfang der 70er Jahre wird auf dem Weingut Erbes der Frühe Rote Malvasier angebaut. Der Weinberg ist jetzt fast 40 Jahre alt. Er wurde von Alfred und Friederike Erbes, den Eltern des heutigen Inhabers, in exponierter Lage am Ensheimer Kachelberg angelegt.
Der karge Ensheimer Kachelberg eignet sich hervorragend für diese Rebsorte. Allerdings ist dieser Weinbau auch sehr arbeitsintensiv und stellt hohe Anforderungen an das Geschick und die Erfahrung des Winzers. Bereits als Jugendlicher wurde Heribert Erbes in den Weinberg geschickt, um den zu stark holzenden Frühen Roten Malvasier zu schneiden. Dieser Wuchs ist typisch für junge Malvasier Anlagen. Für den jungen Winzer schien die Arbeit kein Ende nehmen zu wollen…
Der Frühe Rote Malvasier des Weinguts Erbes, Jahrgang 2008 (Spätlese) wurde mit der silbernen Kammerpreismünze des Landes Rheinland-Pfalz prämiert.









